Gute Medien – schlechte Medien

Was dürfen Medien, wo beginnt der journalistische Auftrag und wo enden die Verpflichtungen?

von Sophie Österreicher, Sandra Fritsch, Veronika Hinterstoisser, Gerold Berger

Gute Medien – schlechte Medien – eine Analyse anhand des Terrors in Wien vom 2.11.2020

Quelle: Zeitung Papier Zeitungspapier – Kostenloses Foto auf Pixabay

Zeitungen stehen als Ausdruck unseres Selbstverständnisses. Je nachdem, wie wir uns selbst sehen, nutzen wir diverse Medien. Wir, uns selbst als intellektuelle Student*innen bezeichnend, lesen den Standard, suchen Aktivitäten im Falter und blättern in der Zeit. Aber Medien wie Österreich oder Heute kommen in unserem Medienrepertoire selten bis gar nicht vor, maximal um sich über die reißerischen Überschriften und hetzenden, aufschreckenden Schlagworte zu unterhalten und diese zum Thema zu machen. Aber ernsthafte Informationen und den Daumen am Puls der Zeit erhalten und haben wir nur im sogenannten Qualitätsjournalismus.

Doch woher kommt diese Unterscheidung in „gute“ und „schlechte“ Medien?

Ein Indiz dafür könnte sein, dass Kronen Zeitung und Heute sich nicht dem Presserat verschrieben haben, Österreich aber schon, ebenso wie die bereits oben genannten Qualitätsjournale. Was an sich jedoch noch nichts verheißen mag, da auch das Kinomagazin Skip sowie die Hausarztzeitung sich dem Presserat verschrieben haben. Nähere Informationen zu diesem sind hier zu finden.
Dennoch, Krone, Österreich und Heute haben es gemeinsam in den Jahren 2011 bis 2014 auf gemeinsame 63 Verstöße gegen den Presserat gebracht, entnommen aus den Medienimpulsen. Diese aus ganz unterschiedlichen Gründen, was an sich ebenso nichts bedeutet, denn auch nach außen hin seriösere Medien, wie der Kurier, verstoßen ab und an gegen den Ethikkodex des Presserats.

Doch was besagt dieser Ehrenkodex des Presserates und was bedeutet es, wenn man dagegen verstößt?

Der Ehrenkodex regelt sozusagen das journalistische Spielfeld. Er gibt demnach also Richtlinien im Umgang mit folgenden Themen vor, an welchen sich die Medien zu orientieren und halten haben, wenn sie sich dem Presserat verschreiben sollten:

Freiheit, Genauigkeit, Einflussnahmen, Persönlichkeitsschutz, Unterscheidbarkeit und Schutz vor Diskriminierung etc.

Darüber hinaus haben sich die Medienhäuser auch selbst Richtlinien im Umgang mit bestimmten Themen auferlegt, welche jedoch nicht dem Presserat unterliegen. 2019 hat OE24, das im Gegensatz zur Österreich den Presserat nicht anerkennt, die Kronenzeitung überholt und mit 14 von insgesamt 37 Verstößen in diesem Jahr den Großteil aller Verstöße gegen den Ehrenkodex ausgemacht, nähere Informationen dazu sind hier zu finden. Besonders in Verruf ist OE24, aufgrund deren Berichterstattung über den Terror in Wien vom 2.11.2020, gelangt.  Auch andere Medienhäuser stehen in Bezug auf deren Berichterstattung zu diesem Abend unter starker Kritik.
Mehr als 1500 Beschwerden gingen beim Presserat, bezüglich des Terroranschlags ein.

„Ein absoluter Negativrekord“, stellte Geschäftsführer Alexander Warzilek am Freitag fest. […] Zu keinem anderen Thema habe es in der Geschichte des Österreichischen Presserats eine derart hohe Anzahl an Beschwerden gegeben. […] „Die große Anzahl der Beschwerden zu der schrecklichen Terrorattacke zeigt jedenfalls auch, wie groß das Bedürfnis nach medienethischen Standards in der Berichterstattung ist“ siehe auf derstandard.at

Was dürfen Medien denn nun?
Dies wollten wir uns am Falle des Terroranschlags von Wien und der Berichterstattung darüber, genauer ansehen und die Berichterstattung der einzelnen Medien analysieren.

Über die bereits genannte Problematik haben auch einige Vertreter der Medienhäuser heute.at, Puls 24, Falter diskutiert und einige spannende Punkte und Aspekte aufgezeigt. Dabei ist uns vor allem die Unterscheidung in der Herangehensweise der Berichterstattung aufgefallen.
So beschreibt Corinna Milborn, Puls 24-Infochefin ihre Aufgabe als Journalisten, als Entschleunigung der Vorgänge und als sachliche Berichterstattung dessen, was in jener Nacht und Situation vorgegangen ist. Sie betonte die klare Trennung von Gerüchten und Bestätigten Fakten. Ebenso beschreibt sie die Bedeutung der Berichterstattung, da diese Überblick verschaffen soll und den Menschen dabei helfen soll, nachvollziehen zu können, was in solch einer Situation passiert. Auch Falter Chefredakteur Florian Klenk betont die Wichtigkeit, abzuwägen, woher die Informationen kommen, welche veröffentlicht werden sollen und ob diese Informationen aus gesicherten Quellen stammen. Es ist wichtig zu vermitteln, bei welchen Informationen es sich um, durch die Polizei bestätigte Gerüchte und bei welchen es sich um so genannte „Fake-News“ handelt. Heute.at hat sich an diesem Abend ebenso in der Rolle der Trennung von bestätigten, verlässlichen Informationen, von jenen, welche unbestätigt und nicht klar waren, gesehen. Jedoch haben sie, als Boulevardmedium, eine sehr große Reichweite und haben es sich auch zum Auftrag gemacht, die Emotionen der Bevölkerung aufzugreifen und eine „emotionale Schiene“ zu fahren, im Gegensatz zu einer Falter-Berichterstattung. Diese wichtige Trennung von bestätigten, sicheren Informationen, welche weitergegeben werden können, von unverlässlichen und falschen Informationen, hat das Medium OE24 nicht vorgenommen. Ebenso hat dieses blutrünstige und verstörende Videos und Bilder weitegeleitet und veröffentlicht, weshalb dieses Medium nun unter solche einer enormen Kritik steht. Mehr Informationen hierzu gibt es unter folgendem Podcast des Falters.   

Diese Divergenz zeigt sich unserer Meinung nach auch in den alltäglichen Schaltungen der Zeitungen. Boulevardmedien emotionalisieren weitaus mehr, berichtet mehr vor Ort und ausdrucksstärker als die Konkurrenz, die eher Hintergrundinformationen und mit Abstand produziert. Falter oder Standard geht es um die sachliche Berichterstattung, während Heute oder Österreich, neben der Berichterstattung, ein möglichst breit gefächertes Publikum anzusprechen versucht.
Vielleicht lässt sich dadurch auch die Häufigkeit der Verstöße gegen den Ehrenkodex erklären, denn um mitzureißen, um zu emotionalisieren, braucht es Bilder, reißerische Schlagzeilen und vieles mehr. Inhalte wie diese würden andere Zeitungen, wie der Falter oder Standard, nicht veröffentlichen. Jedoch genau wegen dieser Bilder aber stehen nun Österreich, Krone und andere am Pranger, denn wie oben erwähnt, gingen noch nie so viele Beschwerden beim Presserat ein, wie es in der Nacht und den folgenden Tagen des Anschlags in Wien der Fall war.

Quelle: Tageszeitung Zeitung Täglichen – Kostenloses Foto auf Pixabay

Was darf Presse also nun, wann ist zu weit zu weit und was braucht es, um die Öffentlichkeit zu informieren? Was muss man bedenken, wenn man 3 Millionen Menschen auf einmal erreichen kann und somit auch eine enorme Verantwortung für diese Reichweite trägt?

So haben manche Journalisten auch Twitter Informationen weitergegeben, mit dem Hintergrund, dass Menschen vielleicht dadurch gewarnt werden können und somit Menschenleben gerettet werden können. Ebenso wollten einige der Journalisten die Tragfähigkeit ihrer gebrachten Informationen, durch Twitter-Berichte stützen und betonen. Aber wo ist hierbei nun die Grenze zu ziehen? So wurden, auch durch Journalisten wie Martin Klenk, Polizeiberichte weitergegeben, welche Informationen über eine Geiselnahme beinhalteten. Diese Meldung hat sich im Nachhinein als falsch herausgestellt, wurde jedoch durch Klenk auch als falsch korrigiert. Lässt sich das mit einer Aktions- und einer Evaluationsphase rechtfertigen? Wenn die Polizei einem Hinweis nachgeht und diese Meldung twittert, gilt dies damit als gesicherte Information, die an hunderttausende Menschen herausgegeben werden darf? Wie kann man in solchen Extremfällen seiner Verantwortung nachkommen?
Klenk rechtfertigt seine Handlungen hierbei dadurch, dass er betont, dass die Menschen durch solche Informationsweitergaben, potenziell gefährliche Orte meiden können – die Menschen werden aufgefordert, ihr zuhause nicht zu verlassen, wodurch Menschenleben gerettet werden können. Wären dies Gerüchte gewesen, die die Falter-Redaktion durch ihre Leser erreicht hätten, hätte Klenk diese Gerüchte nie verbreitet und getwittert. Da diese Gerüchte jedoch von der Polizei rückbestätigt wurden, war dies eine sichere Quelle und musste laut Klenk, an die Bevölkerung weitergegeben werden. Schon alleine, um den Bürger*innen einen Überblick in dem Wirr-Warr aus Informationen zu geben. So betont er auch in dieser Situation die Bedeutung der Quelle, aus welcher die Informationen stammen und die qualitative Recherche, welche immer erfolgen sollte!

Es gibt das schöne Zitat, dass die Aufgabe der Journalisten jene ist, nicht die zwei Menschen zu zitieren, die sagen „Es scheint die Sonne“ bzw. „Nein, es regnet“ vielmehr ist es zu sagen „hinausgehen und nachsehen“.

Wie kann dies in so einem Fall aussehen? Wenn Journalisten zu direkt betroffenen Augenzeugen eines Vorfalles werden, wie es beim Terror in Wien vielfach der Fall gewesen ist?

Eine Person haben wir bis jetzt ausgelassen, nämlich den Konsumenten der Medien und dessen Verantwortung in diesem Gebilde. Wie eingangs erwähnt, sind die Medien, die wir konsumieren, ein Ausdruck unseres Selbstverständnisses. Allerdings stimmt dieses Bild nicht so ganz, denn der Hostile-Media-Effekt bezeichnet das Phänomen, dass die Anhänger einer bestimmen Position bzgl. eines Themas dazu tendieren, die mediale Berichterstattung zum betreffenden Gegenstand als unfair wahrzunehmen, mehr hierzu unter folgendem Link.

Das bedeutet, dass wir möglicherweise nur jene Medien konsumieren, die unserem Weltbild entsprechend veröffentlichen und uns informieren.

Damit zeigt sich, dass es beide Formen des Journalismus braucht, den Boulevard- sowie den Qualitätsjournalismus, weil sie beide Seiten der medialen Medaille aufzeigen. Die eine aufwühlende, emotionale, welche in uns allen ausgelöst wird, in solch einem Extremfall wie dem Terror in Wien. Aber auch diejenige Seite, die aufklärt und beleuchtet und uns wieder aus den Emotionen herausholt und eine sachlich gestützte Berichterstattung bietet. Dadurch zeigt sicher aber auch ganz deutlich, welche Macht die Medien auf uns haben und dass sich ein unabhängiges Kontrollorgan mit dieser auseinandersetzen und diese kontrollieren muss. Damit Journalismus weiterhin schreibt, ob es regnet oder die Sonne scheint!

Quellen:

https://www.presserat.at/show_content.php?sid=38

Medienimpulse ISSN 2307-3187 Jg. 54, Nr. 1, 2016 Lizenz: CC-BY-NC-ND-3.0-AT S1

https://www.presserat.at/rte/upload/pdfs/grundsaetze_fuer_die_publizistische_arbeit_ehrenkodex_fuer_die_oesterreichische_presse_idf_vom_07.03.2019.pdf

https://www.derstandard.at/story/2000115358557/presserat-oesterreichoe24-ueberholt-krone-bei-verstoessen-gegen-ehrenkodex)

https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9yc3MuYWNhc3QuY29tL2ZhbHRlci1yYWRpbw/episode/NDlmMjNkZmYtZGYxNi00MmVkLThhYTUtNTIyODkyMTk5NGQx?hl=de-AT&ved=2ahUKEwiC-4qa6LPtAhUsx4UKHQEMBr0QieUEegQIBRAd&ep=6

https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/hostile-media-effekt

2 thoughts on “Gute Medien – schlechte Medien”

  1. Vielen Dank für die umfassende Berichterstattung. Ich habe mir kaum Gedanken darüber gemacht unter welchen Bedingungen Medien arbeiten und an welche Regeln sie sich dabei halten. Ich finde es erschreckend, dass sich manche Medien nicht dem Presserat verschreiben und trotz dieser Tatsache stapelweise an U-Bahneingängen kostenlos zur Verfügung gestellt werden, wie dies beispielsweise bei der Heute der Fall ist. Meiner Meinung nach kann man darauf als Konsumentin oder Konsument tatsächlich nur reagieren, indem man das Angebot bewusst nicht annimmt und seine Mitmenschen auch auf diesen Umstand aufmerksam macht.

  2. Danke für den ausführlichen Beitrag. Auch wenn man sich stundenlang mit dem Thema beschäftigt hat, schnappt man immer wieder etwas Neues auf.
    Was mir noch dazu einfällt: Ich habe die ganze Nacht vollkommen fasziniert/verschreckt/sensationsgeil in meinen Fernseher gestarrt, bin lange nach Einbruch des Folgetags schlafen gegangen und als ich keine 6 Stunden später wieder aufgewacht bin, waren 90 % meiner Informationen nicht mehr aktuell. Die Anzahl der Todesopfer und Täter sowie die tatsächlichen Orte des Geschehens waren teilweise komplett falsch. Mein Vorwurf gilt hier den Medien UND der Exekutive. Ich verstehe nicht, wie die Argumente „Wir wollten die Menschen warnen!“ ziehen sollen. Wenn man auf sozialen Medien eigeninitiativ oder als Medium postet, hat das kein Gerücht zu sein. Zwischen „jemanden warnen“ und „Lügen posten“ liegen Welten. Was hat die Journalisten daran gehindert zu schreiben: „Aktuell ist die Wiener Innenstadt nicht sicher. Es geht ein Amokläufer/Terrorist um. Bitte bleiben Sie zu Hause und verhalten Sie sich ruhig. Wir informieren Sie, sobald wir mehr wissen.“
    Ich kann nicht nachvollziehen warum Berichterstattung live und ohne Filter passieren muss. Am nächsten Morgen hätte gereicht, bis dahin war ja ohnehin alles anders.
    Solange Journalismus ein Geschäft ist, wird es immer um Klicks gehen. Die Frage ist dann nur: Was unterscheidet dann eine Zeitung/ein Nachrichtenformat noch von sozialen Medien? Wenn Österreich und die Tagespresse dieselben Ziele haben, dann wird es schwer einen Unterschied zu erkennen…

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